jetzt wird's wissenschaftlich

Ich habe mir ein Buch übers Stricken gekauft. Sylvia Geier, Kulturphänomen Stricken

Sylvia Geier - Kulturphänomen Stricken

Sylvia Geier - Kulturphänomen Stricken

Darin wird wissenschaftlich untersucht, wie sich das Stricken in der Geschichte entwickelt hat, hinein bis in die 80iger Jahre. Ich habe bislang nur in dem Buch geblättert und mich an der einen oder anderen Stelle festgelesen. Ich bin erstaunt, dass die Autorin so viele Gründe für das Stricken fand. Früher wollte man die Mädchen an das Haus binden, disziplinieren, deren „müßige Zeit“ ausfüllen. Geschickte Mädchen wurden als gute Partie angepriesen. Ich hätte gedacht, dass einfach die Herstellung von Kleidung und Socken oder der Hinzuverdienst der Strickerin zum Budget der Familie im Vordergrund stand, vielleicht noch die Kommunikation an langen und kalten Winterabenden.

Das Buch hat mich jedenfalls zum Nachdenken angeregt und an die eigene familiäre Vergangenheit erinnert.

Wenn ich so an meine Oma mütterlicherseits- Alma Ida Fischer geb. Lippert, geb. am 12.03.1907, verst. am 21.09.1982 – denke und deren Erzählungen, wurden in der Familie Socken, Pullover und Jacken gestrickt, weil es auf dem Dorf diese Sachen nicht zu kaufen gab und es auch nicht üblich war, diese Sachen zu kaufen. Jedes weibliche Familienmitglied, also meine Oma und deren 3 Töchter (d.h. meine Mutter und meine Tanten) strickten jedes Jahr Socken für den Winter und für die gesamte Familie. Pullover und Jacken wurden nur bei Bedarf gestrickt und hielten wohl länger. Die Socken wurden gestopft, wenn sie durchgelaufen waren, die Pullover wurde ebenfalls ausgebessert. Die Wolle bestand zu 100% aus Naturfasern, deren Haltbarkeit war nicht so wie bei den heutigen Socken, außerdem bestand beim waschen Verfilzungsgefahr.

1982 hat meine Oma für meinen damals 10 Monate alten Sohn noch ein paar Socken mit traditioneller Sockenwolle gestrickt, einfarbig grau mit Nadeln Stärke 1,75. Meine Oma starb, ohne die Fäden vernäht zu haben, und genauso bewahre ich diese Socken bis heute noch auf:

Kindersocken 1982

Kindersocken 1982

Ich weiß nicht, ob die Babybeinchen da jemals reingepasst hätten, ich habe es nicht probiert. Diese Socken sind für mich ein Andenken an meine Oma geworden und ich habe sie über die vielen Jahre aufbewahrt.

Angeregt durch das Buch und die eigene Familiengeschichte, finde ich die Frage interessant:

Warum stricke ich ?

  • heutzutage gibt es ja alles zu kaufen,
  • man kann im Geschäft einen Pullover in verschiedenen Größen anprobieren, und den kaufen, der am besten passt, und muss sich eigentlich nicht mit dem gestrickten zufrieden geben und den Bauch einziehen oder die Ärmel einmal umschlagen,
  • Socken gibt es ebenso zu kaufen, wie Schals, Handschuhe, Jacken und alles andere,
  • Freizeit hat man auch nicht so viel, dass Langeweile aufkommt,

Was bleibt dann noch?

  • die Freude etwas selbst zu machen ?
  • ein Unikat herzustellen ?
  • mit Stolz den ganzen Kommerz hinter sich lassen und sich sagen: ich mach da nicht mit ?
  • die Freizeit zu gestalten ?
  • etwas sinnvolles auf der Fahrt zur Arbeit oder vor dem Fernseher machen ?
  • stricken weil man es kann und im Freundes-, Bekannten- und Kollegenkreis Anerkennung findet ?

Vielleicht regt dieser Post noch jemanden zum Nachdenken an, übers Stricken, über die eigene familiäre Strickvergangenheit. Ich würde mich darüber freuen.

2 comments

  1. Doris’s avatar

    Hallo,

    stricken um Mädchen ans Haus zu binden, zu disziplinieren, deren “müßige Zeit” ausfüllen? Dieses Buch scheint ja jämmerlich recherchiert zu sein. Für die kleine Gruppe der Besserverdienenden der Vorvor- und Zwischenkriegsjahre mag das wohl gegolten haben, die Familien, die es sich leisten konnten, das ihre Töchter zu Hause herumsaßen und sich ihren Lebensunterhalt nicht selbst verdienen mußten. Für die breite Masse der Bevölkerung sah das aber ganz anders aus. Denen ging es wie Deiner und meiner Oma (Jahrgang 1915). Stricken um Kleidungsstücke herzustellen, die man nicht vor Ort kaufen konnte oder die zum kaufen zu teuer waren. Meine Oma hat das Stricken verabscheut. Nachdem sie mit 15 Jahren ihren Lebensunterhalt selbst verdient hat, ist sie lieber barfuß gelaufen als sich oder später Ihrer Familie Strümpfe oder sonst irgendwas zu stricken.
    Durch Deinen Beitrag wurde ich wieder daran erinnert, wie unmöglich es für mich Mitte der 80er Jahre war, bei uns auf dem Dorf irgendeine Verwandte bzw. überhaupt jemanden aufzustöbern, der bereit gewesen wäre mir bei der Fertigstellung meines ersten eigenen Pullovers zu helfen. Stereotype dutzendfache Antwort war:
    „Was soll der Blödsinn. Es gibt genug Geschäfte hier, wo Du Dir einen Pullover kaufen kannst. Ich helfe Dir nicht Deine Zeit sinnlos zu vergeuden. Ich mußte Stricken weil wir die Kleidung brauchten. Sei froh, das es heute so billig Kleidung zu kaufen gibt. Mach was richtiges, amüsiere Dich mit Deinen Freunden.“
    Ich kam mir vor wie in einem schwachsinnigen amerikanischen Film. Danke, daß Du mich daran erinnert hast. Im nachhinein ist es wirklich komisch.
    Ich mag Deinen Blog.

    Liebe Grüße

    Doris

  2. Silke’s avatar

    Danke, liebe Doris,
    auf jeden Fall hat das Buch Erinnerungen geweckt und zum Nachdenken angeregt. Das ist ja auch schon was. Leider endet das Buch vor den 80iger Jahren, ich hätte gern gewusst, was die Autorin über diese Zeit recherchiert hat, das war nämlich auch der BEGINN meines Strickhobbys.

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